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Jannik
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Jannik's Geschichte

p>Hallo, ihr Lieben,

sooo lange will ich nun schon meine Erlebnisse mit Jannik aufschreiben.

Aber bisher habe ich mich immer erfolgreich davor gedrückt.

Ich mag vieles wissen und auch oft einen guten Rat für andere parat haben, aber das Verdrängen, das kann ich mir anscheinend einfach nicht abgewöhnen. Es scheint mir in die Wiege gelegt zu sein.

Vor lauter Verdrängerei bin ich nun heute am Weltkindertag, an dem mein Jannik ja eigentlich seine erste süße kleine Geburtstagstorte vor sich stehen haben sollte, nun also deftig krank geworden. Wohl, weil ich mich mal wieder vor der Trauer drücken wollte.

Na, wir wissen ja alle, dass das nicht funktioniert.

Also, geb ich mir einen Tritt und fange endlich an, zu schreiben:

Am liebsten möchte ich dort anfangen, wo meine Welt noch in Ordnung war. Vollkommen in Ordnung:

Als Heilpraktikerin hatte ich meinen Traumjob, ich war erfolgreich und ständig in Sachen Seminaren, Messen und Vorträgen unterwegs. Ich war eine dieser Frauen, die ihre Kulturtasche im Grunde niemals wirklich auspackten.

Ich hatte meine klassische bundesdeutsche Durchschnittsfamilie. Einen wunderbaren Ehemann und zwei Söhne. David war 18 und Moritz 12 Jahre alt. Meine Familienplanung war abgeschlossen.

Seit einiger Zeit schon hatte ich mich auf die Kinderwunscharbeit spezialisiert. Ziemlich beeindruckt von der Arbeit einer Londoner Kinderwunschexpertin tat ich das, was sie mir beigebracht hatte, mit dem zusammen, was ich selbst halt dazu beitragen konnte.

Die Erfolge waren bahnbrechend. Ehrlich. Und so langsam wurde es mir dann auch etwas mulmig, denn ich hatte mehr und mehr Angst, auch ich könnte dann eines Tages ungeplant schwanger aus einem solcher Kurse hervorgehen.

Meine Angst war absolut nicht unbegründet, denn obwohl ich mich aus wichtigen Teilen der Seminare lange schon herausgehalten hatte (z.B. die Fruchtbarkeitsmassage ließ ich nicht mehr an mir demonstrieren etc) , da bekam ich dann einen gehörigen Schreck, als ich nach einem phantastischen Karibikurlaub einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt.

Es war ein Riesenschreck. Ich musste also mein ganzes Leben neu überdenken und war dann nach eins zwei Tagen soweit, dass ich mich hoffnungslos in mein kleines Baby verliebt hatte.

Doch bald schon ging einiges schief. Ich hatte Blutungen. Und was für welche! Es machte "platsch", ich stand in einer dicken Blutpfütze und mir war klar: mein Baby hat sich jetzt verabschiedet. Ich legte mich 2 Tage heulend ins Bett. Dann fuhr ich zu meinem Gynäkologen um ihm von der „endgültigen Blutung“ zu erzählen und eine Abschlussuntersuchung zu machen.

Es war merkwürdig. Schon auf dem Weg nach Berlin hatte ich ständig das Gefühl als würde da immer noch mein kleines Krümelchen in meinem Bauch stecken und zu mir sprechen.

Natürlich war mein Verstand schlauer, er wusste, dass keine Frühschwangerschaft eine solch gewaltige Sturzblutung überleben kann.

Mein Verstand verstand dann die Welt nicht mehr, als mein Gynäkologe mir dann beim Ultraschall zu verstehen gab: “Sie haben umsonst geweint, hier schlägt das Herz ihres Kindes munter weiter!“.

Ich freute mich ungemein. Ich brauchte wieder zwei Tage, um mich nun wieder auf eine intakte Schwangerschaft einzustellen. Und ich lernte, meinem Gefühl zu vertrauen, als dann nach und nach immer wieder solche plötzlichen Blutungen kamen. Solange mein Baby irgendwie zu mir sprach, wusste ich, es ist noch da. Und es will!!

Nach drei Monaten hörten diese Blutungen auf und das erleichterte mich sehr. Es folgten weitere drei Monate einer zauberhaften Schwangerschaft und dann kam der Schreck: Ich erwachte eines Sonntagmorgen im einer riesigen Blutlache. (Blut kommt einem immer sooo viiiel vor). So landete ich im Perinatalzentrum in Berlin, wo mein Sohn Kilian dann in der 26. SSW viel zu früh und viel zu klein geboren wurde.

Drei Monate lang immer nur neben einem Brutkasten zu stehen und sein Baby anzuschauen, das man aber eigentlich auf den Arm nehmen möchte, das ist wirklich ein Thema für sich. Es ging jeden Tag zwei Schritte voran, einen zurück. Jeden Tag, wenn ich durch die Tür kam, betete ich, dass mein Kind bitte noch leben möge.

Kilian überstand alles! Meningitis, Gehirnblutungen, eine Herzoperation, die Beatmung.

Ich weiß bis heute nicht, wo dieses mein Kind die dafür erforderliche Kraft nur hergenommen haben mag. Die Lebenskraft dieser Frühchen ist wirklich außergewöhnlich.

Ich war heilfroh, als er sein erstes Lebensjahr dann überstanden hatte. Noch nie hatte ich mich um ein Kind so derart gesorgt. Heute im Nachhinein habe ich das Gefühl, ich habe meine Argusaugen nie wirklich zu gemacht. Ich war immer auf der Hut. Wer weiß, und vielleicht bin ich es noch heute.

Jedenfalls habe ich nun drei Söhne und ich bin heilfroh um all die kleinen Patschhändchen auf den Fensterscheiben, um all das herumliegende Spielzeug und das ständige tamtatam, wenn die Kinder die Treppen rauf und wieder runter flitzen.

Da war noch etwas: Als Kilian ein knappes Jahr alt war, begann ich, ihn impfen zu lassen. In der Folge erkrankte er so sehr, dass wir – es war mein Geburtstag – mit Vollgas ins Krankenhaus fahren mussten, so schwer atmete er. Ich weiß das noch ziemlich genau. Meine beste Freundin Heike blieb mit meinem Mann bei meiner Familie. Meine Schwester fuhr uns ins Krankenhaus, meine Mutter saß auf dem Beifahrersitz. Während ich mit Kilian hinten saß und ihn im Arm hielt.

Dann setzte seine Atmung gänzlich aus und wir bekamen es mit der Angst zu tun. Wir waren mitten auf der Landstraße und hier war weit und breit keine Hilfe in Sicht. Während ich auf dem Rücksitz verzweifelt begann, mein Baby zu reanimieren, bretterte meine Schwester im „Kick-down-Vollgas“ mit uns in Richtung nächste Kleinstadt und meine Mutter rief per Handy den Rettungswagen an, der uns auf der Landstraße entgegen kommen sollte. Wir flogen nur so über den Asphalt, beteten, die anderen Autos würden uns bitte vorbei lassen und der Rettungswagen würde bitte bald vor uns auftauchen.

Er tauchte auf. Inzwischen hatte ich Kilian aber schon alleine reanimiert, er atmete selbständig, bekam nur etwas Sauerstoff von mir. Nach einigen Tagen Kinderstation kamen wir dann schon wieder nach Hause.

Irgendwie war es mir aber, als wäre ein Teil von uns mitten im Schreck stehen geblieben. Ich hatte das Gefühl, wir hätten diese Situation in unserem Unterbewusstsein nie so ganz verlassen. Mir war, als würden zuhause immer noch alle bangen, mir war, als hätte meine Schwester noch immer ihren Fuß schwer auf das Gaspedal meines Flitzerautos gedrückt.

Was immer das auch gewesen sein mag. Fazit ist: Sowohl Heike als auch meine Schwester wurden zu dieser Zeit schwanger. Wenn wir heute manchmal darüber sprechen, dann sind wir uns irgendwie darüber einig, dass das überraschende Eintreten dieser Schwangerschaften ganz bestimmt mit den Erlebnissen um diesen Geburtstag zusammenhängt, dem Tag an dem alle nur beteten: „Lieber Gott, lass das Kind am Leben!“.

Als der Schreck dann vorbei war, gefiel mir die neue Situation eigentlich ganz prima. Meine beste Freundin und meine Schwester gemeinsam schwanger und ich mit meinem Kilian, das versprach eine sehr gemütliche Zeit zu werden.

Inzwischen hatte ich auch angefangen, halbtags wieder in meiner Praxis zu arbeiten.

Schon nach Kilian hatte ich mir vorgenommen, nun keine Kinderwunschseminare mehr zu geben. Ich hielt sie für sehr, sehr gefährlich, denn ich hatte ja erfahren, dass ich mich vor einer eigenen Schwangerschaft ja trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch nicht schützen konnte.

Ja, aber wie das Leben so läuft, die üblichen Patienten wurden weniger, dafür kamen verzweifelte Kinderwunschfrauen, die ich ja nun doch nicht sitzen lassen wollte.

Als Kilian 1 ½ Jahre alt war, reisten wir im Winter mit ihm in die Karibik. Alle Freunde floskelten schon rum: “Na Biggi, denn pass mal gut auf, du weißt ja, die Karibik ist sehr fruchtbar“.

Biggi war ja eine aufgeklärte Frau, die sich in Sachen Verhütung bestens auskannte und diese auch peinlichst genau betrieb. So lachte ich laut mit, als die selben Scherze und Bemerkungen dann nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub immer noch fielen. Wir lachten alle.

Das Lachen verging mir, als ich dann- genau zwei Jahre nach dem ich Kilians Schwangerschaftstest in der Hand hatte – wieder im Januar auf meinem Lieblingsplatz auf meiner Küchenarbeitsplatte saß, fassungslos auf einen kleinen himmelblauen Streifen blinzelte, der sich klar und deutlich auf dem Teststreifen abzeichnete.

Das Herzklopfen und das Pochen in den Ohren wollten einfach nicht wieder weggehen. Ich habe mich weder gefreut noch war ich dem Kind gegenüber abgeneigt. Ich dachte immer nur: „Das darf doch nicht wahr sein!!!!“

Wieder brauchte ich zwei Tage, bis ich hoffnungslos in dieses Baby verliebt war. Meine Pläne waren schnell gefasst: Praxis verkaufen und in was ganz , kleines überschaubares einmieten, Umbauen, renovieren, Leben umplanen. Das ging ratz fatz.

Diesmal besorgte ich noch am gleichen Tag ein kleines Ultraschallfoto, mit dem ich dann meinem Mann die Neuigkeit abends präsentierte. Der schmunzelte nur und sagte: „Na, meinetwegen, dieses eine noch, aber dann ist Schluss. Vier Kinder reichen wirklich“

Ich muss hier mal ganz ehrlich sein, die Vorstellung vier Kinder zu haben, und das, obwohl ja meine Familienplanung schon nach zweien einmal richtig abgeschlossen gewesen war, das machte auch mir Angst.

Und ich habe etwas ganz Schlimmes getan. Wir wollten im Februar in den Skiurlaub fahren. Und da ich Angst vor einer erneuten Frühgeburt hatte, sagte ich leichtfertig: „“Warten wir erst mal ab, ob das Kind überhaupt bleibt, wer weiß, vielleicht fall ich beim Skifahren ja ganz doll hin und verliere es vielleicht“.

Das war bestimmt kein Wunschdenken von mir. Es war vielmehr so, dass ich Angst hatte, ich könnte mich vielleicht zu früh darauf freuen. Nach Kilian wusste ich ja, was alles so passieren kann und wie überraschend das Leben manchmal spielt.

Natürlich hoffte ich, dass alles gut gehen würde. Es war auch schön, denn Heike und Bata, meine Schwester waren ja auch noch schwanger. Da wusste ich, ich würde immer Schwangere und kleine Kinder um mich herum haben, eigentlich eine sehr schöne Situation , wenn man selbst schwanger ist.

Also fuhren wir in den Winterurlaub und ich hoffte, wir würden rechtzeitig zu den Entbindungen von Heike und Bata zurück ein. Es war ja noch Zeit genug – aber , man weiß ja nie.

Ich fuhr also Ski. Einerseits mit dem Gefühl, dass dieses Kind ganz „fest“ sitzt, denn die befürchteten Blutungen hatten sich nicht eingestellt. Andererseits immer mit der Angst, ich könnte mich zu früh freuen. Das war ein Bisschen wie eine kleine, innere Herausforderung.

Will es bleiben, oder will es nicht. Und, was ist, wenn ich jetzt stürze und das Kind verliere. Wäre es nicht vielleicht besser, es geschähe jetzt, als später ?

Es kam natürlich ganz anders. Beim ersten Sturz verkrampfte ich mich vollkommen. All meine Mutterinstinkte waren urplötzlich da, also rutschte ich, mein Bäuchlein schützend, den ganzen Abhang rückwärts hinunter, versuchte gar nicht erst, mehr irgendetwas skifahrerschickes zu unternehmen um die peinliche Situation zu retten. Nein, ich rutschte mit meinem Baby und rutschte immer weiter in die Eistiefe, bis es nicht mehr tiefer ging.

Unten kam mir dann schon mein Mann entgegen. Er war recht verwundert und meinte, eigentlich würde ich doch ganz easy diese Piste fahren können. Ich erzählte ihm, dass ich nun ganz sicher sei, dass unser Baby auch wirklich bleiben wolle. Und wir fuhren beide sehr glücklich weiter. Aber: Gaaaanz vorsichtig.

Natürlich rief ich abends auch Heike und Bata an, erzählte ihnen von dem Sturz und von meinem Baby, was nun ganz bestimmt bleiben wolle.

Die Welt war wieder in Ordnung.

Bis dann, wenige Tage später der verheerende Anruf meiner Mutter kam. „Biggi“, sagte sie, „bete für deine Schwester, ihr Baby ist tot“:

Da war nichts mehr in Ordnung. Gar nichts. Im Grunde genommen bis heute nicht.

Da gab es zunächst einmal die ersten wenigen Sekunden, die ich brauchte, um zu begreifen, was ich da gerade gehört hatte. Und dann geriet ich in eine Verzweiflung, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt hatte. Während meine Schwester in Berlin in der Klinik lag und ihr totes Kind gebären sollte, lag ich , meinen Mann fest um mich gewickelt , eingeschneit im tiefsten Tirol und weinte mir die Seele aus dem Leib, ganz laut und ganz doll, es schüttelte mich nur noch so, mein Tommi hat mich niemals zuvor uns auch niemals danach so erlebt.

So warteten wir alle, jeder für sich, und dort wo er gerade war, auf die Geburt meines kleinen Neffen Danny. Zum Glück waren Christian und meine Eltern bei ihr.

Ich, ich war ganz weit weg. Eingeschneit in Tirol sind Kilian und ich mit viel Glück dann irgendwie bis nach Berlin gekommen und konnten wenigstens an der Beerdigung teilnehmen.

Im Nachhinein würde ich das heute ganz anders machen. Ich begreife einfach nicht, weshalb ich nicht versucht habe, SOFORT abzureisen. Aber seit dem „Tag danach“ sprachen wir immer wieder von der Beerdigung, so dass dies ganz automatisch ein Zielpunkt für mich wurde. Einer, an dem ich vielleicht wieder wusste, was ich zu tun hatte.

Nein, das stimmt so auch nicht ganz. Ich telefonierte jeden Tag ganz oft mit Bata. Und auch mit Heike, die nun am liebsten ihr Kind gar nicht mehr entbinden wollte, um damit Bata nicht zu verletzen. Und mit meinen Eltern.

Warum auch immer, ich kam zu spät. War in der ersten wichtigen Zeit nicht für meine Schwester da. Vielleicht habe ich es damals einfach noch nicht besser gewusst.?

Ich möchte hier gerne einen kleinen Sprung machen. Ich werde nun nicht weiter von Bata erzählen, ich finde, dass soll auf jeden Fall sie selbst tun, eines Tages vielleicht, denn es ist ja ihre Geschichte, Christians Geschichte, und vor allem : Dannys Geschichte.

Ich möchte daher dem Faden gerne hier wieder aufnehmen:

So lief ich an einem ganz kalten Tag im Februar 1999 hinter dem winzigen, weißen Sarg meines süßen Neffen hinterher. Ich glaube, es war die Sorge um Bata und Christian, die mich da aufrecht bleiben ließ. Ich habe mich selbst kaum mehr wahrgenommen. So stand ich an Dannys offenem Grab und meine inneren Bilder durchsetzten diese unendliche Trauer mit Fragmenten aus Sorge, Wut, Scham und schlechtem Gewissen.

Da stand ich nun, schwanger, wieder mal ungeplant, und bildete mir ein, ich könnte meine Schwester auch nur irgendwie trösten, die hier gerade ihr erstes Kind zu Grabe tragen musste.

Letzten Endes hielten wir aber alle zusammen. So wie sonst auch. Und wir versuchten alle, das beste zu tun. Die Nächste, die Hilfe brauchte, war Heike. Es war, als hätte sich irgendwas in ihrem Inneren geweigert, in dieser Situation, nun ein Baby zur Welt zu bringen. Sie übertrug ihr Baby lange. Schließlich wurde unsere Anna dann aber doch geboren, in der selben Klinik in der Danny geboren worden war, ja, sogar im gleichen Geburtszimmer. Um diese Zufälle anscheinend alle noch zu krönen, musste Bata ausgerechnet an diesem Tag zur Geburtsnachsorge und traf Heike mit Anna in ebendiesem Zimmer an. Das war, als wären wir auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden.

Nach diesem Schicksalsschlag war ich um einiges klüger. Ich hatte viel von meiner Unbedarftheit, meinem unerschütterlichen Optimismus verloren. Ich sorgte mich sehr um mein Baby. Ich gab mir ganz viel Mühe, mich nach außen hin nicht zu doll zu freuen, um Bata nicht in ihrer Trauer zu stören. Bata hielt sich vermutlich mit ihrer Trauer zurück, um mir die Freude auf mein Kind nicht zu vermasseln, und Heike hing mit Anna so zwischen den Stühlen und wusste vermutlich auch nicht so recht, wie man sich nun verhalten solle.

Da beschlossen wir, dass wir untereinander mit nichts zurückhalten wollten. Und das war wirklich eine sehr gute Idee. Wir haben es tatsächlich geschafft, unsere Freundschaft über diese schwierige Zeit zu retten. Wann immer wir uns trafen, sprachen wir über Trauer, Schwangerschaft und Neugeborenes gleichermaßen – es funktionierte. Ich denke, das hat uns alle ganz schön zusammen geschweißt.

Es war gut, dass ich bald wieder über meine Sorgen sprechen durfte. Denn so langsam ging auch in meiner Schwangerschaft einiges schief. Der innere Muttermund öffnete sich schon, ich war in der 19.Woche, und es wurde festgestellt, dass dieser wohl bei einer lange zurückliegenden Konisation wohl so verletzt worden war, dass er nicht mehr richtig funktionierte. Das erklärte dann auch endlich, warum mein Kilian so früh geboren worden war. Ich bekam eine operative Cercelage .

Als ich mit dieser Cercelage dann aus dem Krankenhaus entlassen worden war, da erlebte ich eine ungemeine Erleichterung. Immer wieder fasste ich mir an meinen kleinen Bauch und sagte mir: „Jetzt ist alles fest veschlossen, das Kind wird nicht zu früh kommen“, und ich durfte die schönste Zeit in meiner Schwangerschaft erleben. Sie war auf einmal viel unbelasteter. Manchmal, da bemerkt man erst, wie sehr einen etwas belastet hat, wenn diese Last nicht mehr da ist.

Und genau so ging es mir. Mir wurde erst jetzt klar, wie groß meine Angst vor einer Frühgeburt wirklich gewesen war. Später war ja noch die Angst hinzugekommen, mein Baby würde vielleicht auch einfach in meinem Bauch sterben können. Wie oft hielt ich meinen Bauch fest und betete, dass bitte alles lange genug „halten“ möge. Wie oft wartete ich gespannt, ob sich mein kleiner Liebling auch wirklich noch in mir bewegen würde.

Dann kam die 23.SSW und ich atmete wieder auf. Wenigstens, so wusste ich, würde mein Baby von nun an eine Überlebenschance haben, wenn es denn wirklich zu früh geboren werden sollt.

Aber ich hatte mich verrechnet. Ich hatte die 22.Woche hinter mir, das heißt, ich war in der 23.SSW. Aber diese Hürde „Überlebensfähig“, gilt in Wahrheit erst NACH der vollendeten 23.SSW.

Ich hatte mich verrechnet.

Ich hatte mich zu früh gefreut.

Am ersten Tag in dieser 23.Woche fuhr ich gerade nach Hause, ich konnte unser Haus schon sehen, als ich das Gefühl hatte, ich würde Fruchtwasser verlieren.

Ich hielt sofort die Luft an und dachte, „oh, nein, bitte bloß das jetzt nicht“. Aber als ich wieder weiteratmete, da kam schon der nächste Schwall und gleich danach noch einer. Ich konnte es einfach nicht aufhalten. Es lief unaufhaltsam aus mir heraus und mit jedem weiteren Schwall entfernte sich mein Kind von mir, ging all meine Hoffnung einfach davon.

Ich fuhr auf dem Parkplatz vor, öffnete die Autotür und rief sofort nach Heike, die im Garten war. Ich bat sie, schnell Tommi zu holen, ein Paar Handtücher mitzubringen und schon machten wir uns auf den Weg nach Berlin.

Innerlich war ich wie zerrissen. Mir war klar, dass ein Blasensprung solchen Ausmaßes nicht mehr rückgängig zu machen war. Somit würde man wohl auch kaum die Geburt aufhalten können. Alles, was ich bei Kilian erlebt hatte und was, mit viel Glück zu einem Happy end geführt hatte, das schien jetzt zu diesem Zeitpunkt und in diesem Ausmaß schnurstracks auf eine Katastrophe hinaus zu laufen.

Inzwischen wusste ich auch, dass ich in die gleiche Klinik fahren wollte, in der auch Bata und Heike entbunden hatten. Dort hatte man mir ja auch die Cercelage gelegt. Dort fühlte ich mich ein wenig zu hause.

Um aber meinem Kind auch nur die geringste Chance zu geben, falls es denn überhaupt eine hatte, entschied ich mich für ein anderes Krankenhaus. Ich wusste, hier würde man bei weitem nicht so nett zu mir sein, wie in dem anderen. Aber, wenn mein Baby überhaupt eine Chance hatte, dann hier.

Ich will ehrlich sein. Wieder jeden Verstands hatte ich Hoffnung, ja ich steckte voll davon. Vielleicht würde der Blasensprung ja irgendwie genäht werden können, vielleicht würde ich ganz viel Infusionen bekommen und das Fruchtwasser würde sich schnell genug wieder nachbilden können. Vielleicht würde man die Geburt ja aufhalten können und ich würde nächste Woche zwar mit einem Schrecken, doch aber glücklich noch mal davon gekommen sein. Vielleicht hatte ich mich ja auch verrechnet, oder mein Baby wäre in Wirklichkeit schon viel reifer, als zu erwarten.

Unterwegs hatte ich schon meine Schwester angerufen. So warteten Christian und Bata schon tapfer, als wir vor dem Krankenhaus vorfuhren. Das war ein solcher Segen, dass wir da nicht allein waren. Aber ich machte mir schon die ganze Zeit über große Sorgen, wie sie das alles eigentlich verkraften sollten, knapp drei Monate nach dem Verlust ihres eigenen Kindes.

Das wäre dann schon wieder eine Stelle, an der eigentlich Bata oder Christian weiter erzählen müssten, denn ich fürchte, ich habe alles verzerrt wahrgenommen. Meine inneren Bilder wiegen ab jetzt viel schwerer als das, was da außen um mich herum geschah.

Es kam eine Ernüchterung nach der anderen.

Ein Kinderarzt der Neo hatte den schwarzen Peter gezogen, und musste mir mitteilen, dass man meinem Baby keinerlei Überlebenschancen geben würde. Allerdings würden man, wenn wir darauf bestünden, alle Maschinen“anschmeissen“ allerdings wohl wissend, dass man das kleine Kerlchen damit nur unnötig quälen würde. Eine Katastrophe also.

Wie konnte das sein? Es lebte doch noch! Es strampelte munter in meinem Bauch und nun sollte es sterben, nur weil ICH ihm seinen Lebensraum nicht erhalten konnte ?

Man fragte mich, was mir denn lieber wäre. Ob das Kind lieber vor oder lieber nach der Geburt sterben solle.

Was hätte ich bitte sehr darauf antworten sollen?

Ich wollte mich nicht entscheiden. Wer kann eine solche Entscheidung treffen?

Ich sagte, wenn dieses hier nun auf eine Art Sterbehilfe hinauslaufen würde, dann wäre ich im falschen Krankenhaus. Und wollte gehen. Natürlich war dies zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich. Also versuchte ich , mich ein wenig abzusichern. Ich ließ mir vor der leitenden Ärztin , der Hebamme, dem Kinderarzt, meinem Mann, meiner Schwester und meinem Schwager vom Krankenhausteam versprechen, dass ich aber mein Baby sofort in die Arme nehmen dürfe, dass ich mich von ihm verabschieden dürfe und dass man mir gestatten würde, es zu bestatten.

Das alles wurde mir versprochen.

Aber, noch lebte mein Sohn. Und obwohl ich nach außen hin schon alles abgeklärt hatte, so hielt doch mein inneres noch vollkommen meinem Kinde fest.

Für das Krankenhauspersonal war nun endlich eine Entscheidung gefallen, die es in rege Tätigkeit umsetzen konnte. Der Tropf mit dem Wehenhemmer wurde wieder aus mir herausgezogen. Der Muttermund wurde auch nicht weiter entlastet. Im Gegenteil.

Lag ich bis eben noch so, dass das Becken hoch gelagert war, so lag ich nun mit dem Oberkörper weit hoch, so dass der ganze Druck auf den Muttermund ging und die verhassten und gefürchteten Wehen nun so richtig verstärkte.

In der Zeit danach habe ich oft über dieses „Schalter umlegen“ nachgedacht.

Becken rauf, Muttermund entlasten, das bedeutete noch Hoffnung für mein Baby.

Becken runter, volle Belastung auf den Muttermund bedeutet das Ende aller Hoffnung, bedeutete Vollgas auf der Einbahnstrasse in den Tod.

Und im Kreissaal hatte man an meinem Bett dafür anscheinend einen Schalter.

Mein Gott, wie routiniert die Hebamme den umgelegt hatte.

Sie hatte einfach umgeschaltet von : Leben auf: Tod!

Mag sein, dass mein Bett schon umgeschaltet war. Ich jedenfalls war es nicht.

Ich hielt die Hand auf meinen Bauch in dem mein Baby noch lebte und fragte mich andauernd, wann es denn nun sterben würde. Diese Ungewissheit konnte ich nicht länger ertragen. Ich bat darum, das Sterben meines Kindes auf dem Ultraschall verfolgen zu können und dieser Wunsch wurde mir gewährt.

Auf dem Monitor sah mein Sohn aus wie sonst auch so beim Ultraschall. Ich erinnerte mich noch einmal an die vielen schönen Momente, die ich beim US erlebt hatte. An all die süßen Purzelbäume, an das Daumenlutschen. Da ich unseren Kilian ja so früh geboren hatte, hatte ich eine ziemlich klare Vorstellung vom Aussehen, der Größe und der Reife meines Kindes.

Alles kam mir daher so vertraut vor.

Und gleichzeitig auch wieder gar nicht. Denn dieses Baby würde sterben. Sehr bald. Wann denn nur ? Vielleicht jetzt?

Da starrten wir nun auf den Monitor und warteten auf den Tod unseres Kindes. Was für eine fatale Situation! Und die Zeit zog sich dahin. Ich glaube , dieses Sterben dauerte eine Ewigkeit. Der CTG zeigte kaum noch Lebenszeichen, aber auf dem Monitor konnten wir immer noch eine Bewegung sehen. Das Ärmchen bewegte sich, das kleine Herzchen schlug immer und immer wieder noch einmal. Und immer wieder dachten wir: „Jetzt ist es soweit“, aber das war es nicht.

Als mein Kind dann wirklich starb, da war es mir, als könnte ich dies mit jeder Zelle meines Körpers spüren. Ich schaute nun nicht mehr auf den Monitor, wie die anderen. Ich war nun ganz bei mir. Ganz bei meinem Kind. Ganz bei uns.

Ich hatte das ganz reale Gefühl, es ginge etwas unbeschreiblich schönes von mir. So, als ob man von einer lauwarmen Wolke umgeben war, die nun nach vorne von einem wegzieht. So, als ob da nur eine ewige, schauerliche Eiszeit das ist, was bleibt, wenn die Wolke erst mal weg ist.

Die Wolke ging.

Und mit ihr mein Kind.

Dieses Ablösen habe ich so deutlich gespürt. Und ich habe es mir gemerkt. Denn irgendwie glaube ich, dass ich mich eines Tages, wenn ich diese Welt verlassen werde, dann ebenso ablöse, und ich habe durch dieses Erlebnis die Angst vor meinem eigenen Tod restlos verloren.

Könnte das auch eine gewisse Todessehnsucht sein? Vermutlich ja. Inzwischen weiß ich, dass wir betroffenen Muttis diese Sehnsucht alle ein wenig haben. Die Sehnsucht, bei unseren Sternenkindern zu sein. Deshalb macht es mir keine Angst mehr.

Unmittelbar nach dem mein Kind gestorben war, wurde seine kleine Hand geboren. Ich war zuerst vollkommen irritiert, denn diese Entbindung hatte hier nichts gemein, mit denen meiner anderen Kinder. Welches Kind wird schon mit der Hand zuerst geboren ?

Dieses Kind! Mein Kind! Also ergriff ich dieses winzige Händchen und hielt es so, wie ich zwei Jahre zuvor schon so oft Kilians kleines Händchen im Brutkasten gehalten hatte. Mit dem einzigen, wesentlichen Unterschied, dass ich Kilian zum bleiben halten durfte, dieses Händchen aber hielt ich zum gehen. Zum Fortgehen.

In unmittelbarer Nähe des Todes oder des Sterbens beginnen die Dinge oft, sich von ganz allein zu mystifizieren. Mir erging es da nicht anders.

Während alles um mich herum nun auf die Geburt wartete, hielt ich dieses kleine Händchen. Spürte, wie das Leben nach und nach aus ihm herauswich. Spürte, wie es nach einer Weile immer kälter wurde und begann zu wünschen, mein Körper würde dieses Kind noch solange wie es nur irgend geht, irgendwie warm halten können.

Wir beide waren durch dieses Händehalten vollkommen miteinander verbunden. Ich habe nicht die geringste Idee, was in diesem Moment um mich herum geschah, ich war ganz wo anders, wo immer das gewesen sein mag. Ich war tief in mir. Ich war bei meinem Kind. Ich konnte es deutlich in mir und vor mir sehen. Es war mein größter Wunsch, es dorthin zu geleiten, wohin sein Weg es ihm bestimmt hatte. Das wurde mir auch erlaubt, eine gewisse Zeit lang. Dann war aus meinem Baby an meiner Hand ein wunderschöner junger Mann geworden, der stehen blieb und viele liebe Dinge zu mir sagte. Er sagte dann aber auch, dass sein Weg nun ein anderer wäre und dass es mir nicht gegeben sei, ihn dorthin zu begleiten.

Er verabschiedete sich sehr höflich und formell von mir und ging einfach weg.

Das war der Moment, in dem dann meine ganze Trauer über mich hereinbrach. Ich denke, das war zeitgleich mit dem Ausbruch der Tränen von Tommi und Bata. Wir lagen uns in den Armen und weinten, auch die Ärztin weinte ganz leise.

Der Monitor wurde nun abgeschaltet und man lies uns allein.

Da warteten wir nun in diesem Kreissaal, den ich allmählich wieder um mich herum wahrnahm, auf die Geburt unseres Babys. Noch immer saß ich da und hielt das kleine Händchen. Ich fragte mich ernsthaft, wie es denn so, in dieser Position geboren werden könne. Ich hatte fürchterliche Angst, es könnte bei der Geburt verletzt werden. Ich mochte auch nicht, dass die Hebamme mich untersuchte, denn ich fand, sie war dabei zu grob zu dem kleinen im Geburtskanal steckenden Ärmchen.

Die Hebamme erklärte uns noch, wir sollten uns mal keine Sorgen machen, der Kleine käme dann halt wie Supermann zur Welt, ein Ärmchen vorne, und die Natur und mein Körper drehen das schon alles wieder richtig hin.

Dann ging auch sie.

Schließlich wurde mein Kind dann geboren. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob er wie Supermann kam oder nicht. Ich weiß aber, dass ich, als er dann endlich kam, erst merkte, dass ich ihn mit aller Macht zurückgehalten hatte. Es brauchte nur einen winzigen Moment der Unaufmerksamkeit von mir, und mein Kind lag vor mir auf dem Entbindungstisch.

So waren wir zum Zeitpunkt der Geburt allein. Gott sei dank. Denn als das Krankenhausteam mitbekam, das „das Kind“ nun da sei, verfiel es wieder in eine Routine und Geschäftigkeit, die mich arg störte.

Mit der Bemerkung: „Kann ich da jetzt auch mal ran ?“, wurde sofort die Nabelschnur durchgeschnitten, die übliche Betriebsamkeit nach der Geburt setzte ein. Und nebenbei wurde schon alles für die nun folgende Vollnarkose vorbereitet, denn mir stand ja noch die übliche Ausschabung bevor.

Ich griff schnell selbst nach meinem Baby und wickelte es in die von zuhause mitgebrachten Handtücher. So nahm ich unseren Sohn in meine Arme.

Wir nannten ihn Jannik.

Ich hielt Jannik fest, ganz fest in meinen Armen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich es übers Herz brächte, ihn jemals wieder loszulassen.

Ich musste ihn aber recht bald wieder loslassen, denn alle warteten darauf, endlich die Vollnarkose einzuleiten.

Inzwischen war auch Dafti, mein ältester Sohn angekommen. Er hatte das Gefühl gehabt, irgendetwas stimme da nicht mit mir und so setzte er sich kurzerhand in sein Auto und fuhr nach Berlin in die Klinik, wo er nun im Kreissaal neben mir stand.

Zu diesem Zeitpunkt machte sich in mir längst die Angst breit, man könne mir Jannik wegnehmen, ihn viel zu schnell in die Pathologie bringen und dort sonst was mit ihm anstellen. Ja, man hatte mir zwar einen Abschied und eine Bestattung versprochen, aber was, wenn sich da noch vorher ein paar Pathologen an meinem Kind vergreifen würden? Eine unsagbare Vorstellung für mich. Der ganze Umgang mit mir und meinem Kind seit dem Zeitpunkt der Geburt behagte mir überhaupt nicht mehr. Ich hätte mir gewünscht, sie wären vorsichtiger mit ihm umgegangen. Ich hätte gewünscht, sie wären nicht alle plötzlich so laut gewesen. Ich wusste ja einerseits, dass man ein totes Kind weder verletzen noch erschrecken kann. Aber es war ein tiefes Bedürfnis in mir, vorsichtig mit meinem Kind umzugehen, ich war ganz leise und ich wollte es auch nicht allein lassen.

Das aber musste ich nun. Schlimmer noch, ich würde in eine Vollnarkose gehen müssen, von der aus ich Jannik nicht mehr würde beschützen können.

Es war eine ganz spontane Geste. Ich weiß heute nicht einmal mehr, ob dieser Geste auch irgendein Entschluss voranging. Ich übergab Dafti sein kleines Brüderchen mit der Bitte, er solle, solange ich in der Narkose wäre, gut auf ihn aufpassen und ihn sich auf gar keinen Fall wegnehmen lassen. Instinktiv hatte ich das Gefühl, dass ausgerechnet Dafti, seinem Alter entsprechend, im Notfall wie ein junger Heißsporn mit aller Macht den Willen seiner Mutter einem Befehl gleich ausführen würde. Ich dachte noch: im Notfall türmt der mit seinem Brüderchen. Und diese Vorstellung beruhigte mich in diesem Augenblick ungemein, war mir eine Sicherheit um mich der unweigerlichen Vollnarkose zu stellen.

Ich erwachte kurz darauf und atmete erleichtert auf, als ich sah, das alle noch da waren.

Meine Schwester machte uns den Weg frei und setzte auf ihre charmante Art so allerlei kleine Vergünstigungen für uns durch. Sie machte das sehr diplomatisch und geschickt. Sie erzählte, dass ihr Baby vor drei Monaten auch gestorben sei, aber nicht in DIESEM Krankenhaus, sondern in einem anthroposophischen. DORT hätte man ja kleine Fuß- und Handabdrücke von ihrem Kind gemacht, und dort hätte man auch Fotos für sie gemacht. Da wollte dieses Krankenhaus natürlich nicht hinter herstehen. Nach anfänglich verzweifelten Überlegungen, wie man denn Abdrücke machen könne und wo man denn so schnell nun einen Fotoapparat herbekommen könne – bekam ich beides. Und mehr noch. Bata fuhr in dem Stil fort:“ Also mein Mann und ich hatten ja ein eigenes Zimmer, und sagen sie, haben sie vielleicht eine Tasse Kaffee für den Ehemann....“. So bekamen wir ein Einzelzimmel und Tommi eine Tasse Kaffee.

Hier konnten Tommi und ich uns in Ruhe von Jannik verabschieden, und wir konnten auch ein wenig zur Ruhe kommen. Inzwischen waren Dafti, Bata und Christian wieder nach Hause gefahren, es war schon halb fünf Uhr morgens.

Ich konnte aber nicht schlafen. Ich gab mich ganz meinem kleinen Jannik hin. Ich schaute mir immer wieder alles genauestens an. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass alles, was ich jetzt noch an Eindrücken von meinem geliebten kleinen Sohn sammeln würde, dann später ausreichen musste für meine Trauer und für mein ganzes Leben.

Also küsste ich meinen Sohn, prägte mir seinen unbeschreiblich frischen und süßen Duft ein. Ich betrachtete ihn von allen Seiten und ich erzählte ihm noch alles, was ich ihm zu erzählen hatte. Draußen war die Sonne gerade dabei aufzugehen. Es war dieser Moment des Morgengrauens eines lauen Sommertages, an dem die Vögel alle auf einmal aufzuwachen scheinen und anfangen, einen riesigen Rabbatz zu machen. Es versprach, ein wirklich schöner Tag zu werden.

Jedenfalls für alle anderen. Da draussen. Aber: für mich?

Ich erzählte Jannik, dass es sich bestimmt gelohnt hätte, diesen einen Tag noch zu erleben, und viele andere danach auch noch, als mitten in diesem Satz ganz leise unsere Zimmertür aufging und die uns behandelnde Ärztin mit einer Krankenschwester hineingeschlichen kam. Normalerweise macht das Nachtpersonal in solchen Situationen immer ein kleines Nachtlicht an, bevor es in das Zimmer kommt. Das war hier aber nicht so. Die beiden schlichen auf Zehenspitzen zu dem kleinen Plastikbettchen auf Rädern, in dem sie Jannik vermuteten und schoben es leise hinaus.

Eigentlich hätte es ja wirklich so sein müssen. Eigentlich hätte ich längst , wie mein Mann neben mir, vor Erschöpfung und nach all dem Schmerz tief und fest schlafen müssen. Und eigentlich hätte so auch Jannik in seinem kleinen Bettchen gelegen. Vielleicht.

Aber, wie könnte eine Mutter schlafen, wenn gleichzeitig dabei der Countdown eines viel zu kurzen Abschieds unausweichlich weitergezählt wird?

Ich war wach, hellwach. Und Jannik befand sich nicht in dem Bettchen, sondern in meinen Armen, dort, wo er hingehörte. Und so sah ich , in meinem Bett sitzend, sehr genau, was da vor sich ging, was da geplant gewesen war.

Mit stellten sich die Nackenhäärchen auf, wie in sicherer Erwartung einer Gefahr , die sich mir nähert, und mein Instinkt irrte keineswegs, denn sogleich packten vier kräftige Arme nach meinem Baby, das ich wiederum verzweifelt festhielt.

Ich hätte es nicht lange durchhalten können, dieses Geziehe um mein Kind, ich kam mir vor, wie die Mutter im Augsburger Kreidekreis, die dann aus Angst, ihr Kind könne verletzt werden, schließlich loslässt. Dies alles dauerte nur einen kleinen Augenblick, da verlagerte sich die Auseinandersetzung ins Wörtliche. Man erklärte mir, der Kleine müsse nun aber wirklich zurück in den Kreissaal, er wäre als Leiche nun ein erhebliches Sicherheitsrisiko auf der Station, man müsse ihn kühler legen.

Damals hätte man mir in meiner Unwissenheit noch sehr viel größere Bären aufbinden können, als diesen. Als mir versprochen wurde, dass ich ja selbst jederzeit auch in den Kreissaal kommen könne und dort mein Baby sehen, willigte ich schließlich ein.

In mir bäumte sich noch einmal kurz alles auf, und ich versuchte, laut weinend der Ärztin zu erklären, dass ich mit meinem Abschied aber noch nicht fertig sei. Doch das Sicherheitsrisiko musste fort, fort von mir in den Kreissaal, wo es viel kühler sein würde als in diesem Zimmer.

So gingen sie mit Jannik fort.

Und ich ging fünf Minuten später hinterher. Ich hatte mir die warme Jacke meines immer noch selig schlafenden Mannes umgelegt, in der Erwartung, mein Abschiednehmen im Kreissaal nun in einem kühleren Raum fortsetzen zu können. Unterwegs fragte ich mich noch, ob sie ihm zwischenzeitlich anstatt seiner Tücher, in die ich ihn gewickelt hatte, vielleicht einen Strampler von der Frühchenstation angezogen hatten. Und ob sie uns vielleicht eine kleine Kerze hingestellt hätten. Und ob später auch mein Mann, wenn er erst einmal aufgewacht wäre, dann auch noch nachkommen könnte.

Inzwischen war ich tatsächlich geschwächt. Die Trauer, die Entbindung, die Ausschabung, die Vollnarkose und der Entzug jeglichen Schlafes und jeglicher Nahrung zollten langsam ihrem Tribut. Ich blutete stark nach, ich fror entsetzlich seitdem ich mein warmes Bett verlassen hatte, und Tommis Jacke diente wohl eher zum Festhalten, denn zum Wärmen.

Ich kam dann aber am Kreissaal an und klingelte. Ich nahm an, dass man mich dort schon erwarten würde.

Als dann nach einer kleinen Ewigkeit die Tür geöffnet wurde, wurde mir schlagartig klar, dass mich hier niemand erwartete. Die laute Betriebsamkeit war schlagartig verstummt. Beschäftigte Ärzte , Schwestern und Hebammen hielten abrupt inne, als sie meiner ansichtig wurden, alle sahen sie sich untereinander an, meinen Blick aber mied man. Wieder schlugen meine Nackenhärchen Alarm. Was war hier los?

„Wo ist mein Sohn“, fragte ich in die bedrückende Stille hinein. Ich verstand einfach nicht, weshalb alle so peinlich berührt waren, warum mich niemand ansehen wollte und vor allem nicht, wo denn nur diese unterschwellige Gefahr lauerte, die mir meine Instinkte mal wieder lauthals ausriefen.

Ich suchte nun den Blickkontakt bewusst. Irgendeiner hier musste mir doch sagen können, in welchen Zimmer mein Baby nun lag.

Als mein Blick endlich den einer der diensthabenden Hebammen traf, hielt diese einen Moment inne, blickte kurz fragend und abstimmend in die Runde und fasste sich dann ein Herz und geleitete mich in den Spülraum des Kreissaales.

Wortlos öffnete sie dort eine Kühlschranktür.

Hier fand ich mein Baby. Splitterfasernackt, in eine Plastikfolie eingewickelt, lag er dort in einer metallenen Nierenschale. Rechts und links von ihm türmten sich diese Eimer mit den Plazenten der anderen Wöchnerinnen.

DAS hatte die Ärztin mit einem kühleren Raum gemeint? Und es gab gar keinen Strampler, nein, sogar die Tücher, in die ich Jannik ordentlich gesteckt hatte, die hatten sie ihm weggenommen. Stattdessen gab es diese Plastikunterlage, in die er gewickelt war.

Die beherzte Hebamme nahm nun die Nierenschale, in der mein Kind lag, und stellte sie auf den Kühlschrank.

Ich starrte fassungslos auf das kleine Kind dort in der Nierenschale, auf meinen Jannik und es verschlug mir die Sprache. Ich hatte nun endgültig das Gefühl, dass mich meine Kraft nun verlassen würde. Ich stand dort immer noch in der Tür des Spülraumes, konnte nicht mehr stehen, wollte mich nur noch hinsetzen, oder noch besser hinlegen, aber ich konnte mich von diesem erbärmlichen Anblick nicht los reißen, oder vielmehr, ich konnte nicht zulassen, dass man Jannik dorthin zurück legen würde. Ich hielt mich am Türrahmen fest und sagte immer wieder „das gehört sich so nicht, das macht man nicht, man zieht seinen Toten etwas an“.

Obwohl sich in diesem Kreissaal ausnahmslos Frauen befanden, und ausgerechnet auch noch welche, die alle in der Geburtshilfe tätig waren, erkannte keine meinen Zustand. Es wurde mir kein Stuhl oder eine ähnliche Sitzgelegenheit angeboten. Man half mir um so weniger, mein Kind aus dieser misslichen Lage zu befreien. Ich glaube, es war meine Fassungslosigkeit, meine Wut, die mir jetzt noch Stehvermögen verlieh.

Ich fühlte mich von allen ignoriert. Ich konnte es dann schließlich erreichen, dass die Ärztin nochmals mit mir sprach. Aber sie räumte mir keine Möglichkeit ein, Jannik aus diesem Kühlschrank wieder herauszuholen.

Ich bat sie, wiederkommen zu dürfen, vielleicht am Nachmittag, wenn ich zuhause etwas geschlafen hätte, dann würde ich mit Stramplern von Kilian wiederkommen und mein Kind dann anziehen.

Es war inzwischen so gegen 6 Uhr früh. Und sie konnte mir meinen Wunsch nicht gewähren, da das Kind so bald wie möglich in die Pathologie müsse. Sie stellte mir ein Ultimatum bis 11 Uhr vormittags. Binnen dieser Zeit könne ich nach Hause fahren (wir haben einen sehr, sehr langen Weg bis Berlin), Babysachen holen und sie dann im Kreissaal Jannik anziehen.

Ich empfand es als etwas ganz schreckliches, mein Kind nun allein lassen zu müssen. So! Und hier!

Aber, ich hatte nur diese eine Chance, mein Kind zu bekleiden. Ich musste mir schnellstens Babysachen besorgen. Also weckte ich Tommi, erzählte ihm, was geschehen war. Wir weckten meine Schwester und meine Eltern, die ja beide in Berlin wohnen, ich hatte die Hoffnung, dass sie noch ein paar von den Frühchenstramplern von Kilian zuhause haben würden, denn bis zu uns nach Hause, das hätten wir in dieser Zeit nicht schaffen können. Und nicht in diesem Zustand.

Wir fanden welche. Sowohl bei Bata, als auch bei meinen Eltern. In dem einen Zuhause wurden wir mit Kaffee versorgt, im nächsten mit einer kräftigenden Brühe – meiner ersten Nahrung nach einem sehr langen Abend und einer sehr ereignisreichen, schlaflosen Nacht.

Bata begleitete uns gleich wieder ins Krankenhaus. Wir waren sehr pünktlich. Wir waren um 9.00 Uhr Morgens wieder im Kreisaal, also zwei Stunden vor dem gestellten Ultimatum. Bevor wir in den Kreissaal gingen, machten wir noch einen Umweg zur dortigen Frühchenstation und ich bat um eine Miniwindel. Zum Glück geriet ich an eine sehr liebe Schwester. Sie fragte überhaupt nicht, was ich mit der denn wolle, sie gab sie mir einfach.

So standen wir also wieder einmal vor dieser großen Doppeltür, die zum Kreissaal führt. Und wieder klingelte ich. Ich konnte es kaum mehr abwarten, mein Kind endlich aus diesem schrecklichen Kühlschrank zu holen und anständig anzuziehen.

Die Tür öffnete sich automatisch. Ich wollte gleich zum Kühlschrank gehen, als wir gebeten wurden, doch einen Moment zu warten, bis die nun diensthabende Ärztin mit uns gesprochen hätte.

Ich fand einen Stuhl, auf den ich mich endlich mal setzen konnte. Dort saß ich auch noch, einen kleinen Teddy und die Strampler für Jannik an mich gepresst, als die Ärztin schließlich kam. Das war gar nicht die Ärztin, die zunächst mein Baby am Ultraschall beweint und dann später heimlich aus dem Zimmer hatte aus dem Zimmer schieben wollen. Das war eine ganz andere. Es war die Chefärztin.

Sie ging auf uns zu und erklärte, sie habe das Kind bereits auf die Pathologie bringen lassen.

Ich protestierte, Bata protestierte. Mein Mann war eher in der Position, dass er uns gewähren ließ, um dann alles zu unterstützen, was wir entscheiden würden.

Aber, da gab es nichts mehr zu entscheiden. Die Ärztin war äußerst unfreundlich und sehr laut. Sie sagte, sie hätte sich bei den Kollegen erkundigt, uns sei hier einmal gar nichts versprochen worden. Schließlich wöge das Baby noch keine 500 Gramm. Damit wäre es auch nicht bestattungsfähig. Deshalb habe sie es auch schon in die Pathologie gegeben.

Ich saß da immer noch auf diesem einen Stuhl und fühlte mich wie ein begossener Pudel.

Alles war vorbei jetzt. Und mit dieser Erkenntnis erlaubte sich auch endlich meine Schwäche, sich den Raum zu nehmen, der ihr längst zugestanden hatte.

Wieder erlebte ich alles wie im Nebel. Stimmen echoten in meinen Ohren. Wir verließen wohl den Kreissaal wieder. Ich nahm das alles nicht mehr richtig wahr. Ich hatte mein Kind verloren. Und nun erlaubte man mir nicht einmal, seinen kleinen Körper zu bestatten, so, wie es sich meinem Empfinden nach gehörte. Mein Sohn war mir verlorengegangen, irgendwo in diesem einen Klinikalltag und schon heute würde kein Hahn mehr danach krähen, was aus uns dabei geworden war.

Der Weg zur Pathologie war unendlich weit. Und er führte nur über den Umweg zu einer Seelsorge zum Ziel. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich längst Bata und Tommi die gesamte Regie überlassen. Sie führten mich hierhin und dorthin. Ich selbst steuerte die jeweils unterwegs gelegenen Krankenhaustoiletten an, um mich und meine einsame Wochenblutung neu zu „verpacken“.

In Wahrheit war die Frau von der Seelsorge wirklich sehr nett. Aber ich war schon zu abgestumpft, um diese Freundlichkeit in diesem Moment noch irgendwie schätzen zu können. Warum gibt es denn nachts keine Seelsorger. Wo waren die alle, als ich sie brauchte ?

Ich ließ mich führen, abführen, immer nur in Richtung Pathologie. Von Klo zu Klo. Hin zu einem letzten Gang, einer letzten kleinen Geste für mein geliebtes Baby.

Gleich würde ich ihn endlich anziehen dürfen. Ich hatte keine Ahnung, was man in einer Pathologie normalerweise mit unseren Babys macht. Und so hatte ich Angst. Angst vor ganz schlimmen unbenennbaren Dingen, die sich längst meiner Fantasie bemächtigt hatten.

Ich würde ihn anziehen dürfen. Aber das reichte mir nicht. Ich wollte mein Kind dorthin bringen, wo es für mich der eigentlich passende Platz gewesen wäre: Auf einen Friedhof.

Ein Friedhof war das einzige Plätzchen, das ich aus meiner Erfahrung heraus einem verstobenen Menschen zuordnen konnte. Was bitte war an meinem Baby so anders, dass ihm dieser doch eigentlich traditionelle Platz einfach versagt werden sollte?

Endlich, weit weg vom Kreissaal und noch weiter weg von der Seelsorge befand sich die Pathologie. Ein separates Gebäude am Waldrand. Hier gab es schließlich doch so etwas wie Pietät. Man hatte Jannik wieder in ein kleines Tüchlein geschlagen, und sogar eine Kerze neben ihm aufgestellt. Gleichwohl, ließ uns dort niemand auch nur einen einzigen Augenblick mit dem Kind allein. Sie ließen uns förmlich nicht aus den Augen. Warum das wohl so war, das habe ich per Zufall erst sehr viel später erfahren.

Dieses Tuch nun aufzuschlagen, nun zu wissen, ich werde mein Kind nun bekleiden, dieses eine Mal nur, das war noch einmal ein ganz schwerer Weg für uns. Die Trauer und der Schmerz kamen noch einmal genauso hoch, wie in dem Moment, nachdem unser Sohn von uns gegangen war. Es kam mir vor, inzwischen seien Jahre vergangen. Aber es tat so weh, wie im allerersten Moment.

Ich wickelte Jannik, ich zog ihm all die kleinen Babysachen an, die ich nun schon seit Stunden in den Händen gehalten hatte. Ich zog ihm die kleinen von meiner Mutti selbstgestrickten Söckchen an. Und ich hatte später immer wieder Alpträume darüber, dass er eines davon verloren haben könnte, und deshalb nun friert. Er bekam ein süßes, kleines aber immer noch viel zu großes Mützchen auf, dann wickelte ich ihn in seine kleine Babydecke ein. Und gab ihm einen letzten Kuss. Und dann noch einen letzten. Und wieder einen. Bis ich merkte, dass ich niemals in meinem ganzen Leben würde aufhören können, ihn weiter und weiter zu küssen.

Ich riss mich irgendwann los, wohlwissend, dass ich kein Ende finden konnte.

Die Tür der Pathologie war schon zugefallen, als ich dann doch noch einmal zurück wollte.

Für einen wirklich allerletzten Kuss. Das hat mir so wehgetan. Das ist unbeschreiblich.

So verließ ich dieses Krankenhaus in der Gewissheit, dass man mir die Bestattung versagt hatte, in der Gewissheit, dass Janniks letzte Station eine Pathologie sein würde, was immer das auch bedeuten mag, und in mir löste sich ein stummer Schrei der lauter war und schmerzlicher als alles, was ich bis dahin je zuvor in meinem Leben erfahren hatte.

Bis wir durch den Schlagbaum des Krankenhauses gingen, hatte sich auch noch eine gehörige Portion Wut zu meiner Verzweiflung gesellt. Ich blickte wütend auf Gott und die Welt zum Mittagshimmel hinauf und fragte mich, ob das jetzt ernsthaft von mir verlangt würde, dass ich, um mein Kind bestatten zu dürfen nun auch noch gegen Gott und die Welt antreten müsse.

Die Antwort lautete: Ja !

Ich nehme an dieser Stelle das Happy end vorweg. Wir haben Jannik Ende Mai 99 dann wirklich noch bestatten dürfen.

Meine Eltern hatten einen namhaften Spandauer Bestatter eingeschaltet, der sich in der Rechtslage wesentlich besser auskannte, als die Chefärztin. Inzwischen war es in Berlin nämlich längst erlaubt, auch Babys mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm zu bestatten, wenn die Eltern dies wünschen.

So wurde mir Jannik am Tag der Bestattung nach Hause gebracht, dorthin, wo er gelebt und gespielt hätte. Ich hatte noch ausgiebig Zeit, mich von meinem Baby zu verabschieden – obwohl dafür wohl im Grunde ja alle Zeit der Welt nicht ausreichend erscheint.

Der Pfarrer vollzog die Trauerzeremonien bei uns im Turmzimmer im engsten Kreis der Familie. Für diesen Kreis hielten wir uns alle Hand in Hand.

Und Hand in Hand schafften wir alle zusammen auch die schlimmste, schmerzlichste Zeit, die sich solchen Schicksalsschlägen dann immer anschließt.

Ich kann mich glücklich schätzen, eine so wunderbare Familie zu haben und solch gute und verständnisvolle Freunde.

Und schließlich hatte ich dann bald auch all die Frauen in den Foren der Schmetterlingskinder, die mich in den schlimmsten Phasen und durchgemachten Nächten begleiteten, wie ein schützender Mantel, der einfach immer für einen da ist, wenn man ihn braucht.

Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen.

Ich dachte immer, schreib die Geschichte später auf. Wenn du sie später aufschreibst, dann wird sie nicht ganz so lang ausfallen.

Aber, wie ihr seht, war auch das ein Irrtum.

Eine solche Geschichte wird nicht kürzer, bloß weil sie reifer geworden ist.

Der Verlust, der Schmerz, sie sind für mich verkraftbarer geworden.

Aber das, was gegangen ist, nicht weniger.

In tiefer Verbundenheit mit allen so oder ähnlich betroffenen Eltern

Biggi